Arbeit am Körperbild in der Eutonie

Gerda Alexander (1908-1994), die Gründerin der Eutonie, ging davon aus, dass wir das „Körperbild“ als eine Grundausstattung von Anbeginn unseres Lebens in uns tragen. Es wird durch Ereignisse wie Verletzungen oder Schmerzen verändert oder teilweise gelöscht. Es ist aber auch möglich, an seiner Wiederherstellung zu arbeiten. Eutonie regt an, sich mit den Wahrnehmungen des eigenen Körpers zu beschäftigen. Das kann zu einer Vertiefung oder Verfeinerung des Körperbildes führen. Ein verfeinertes Körperbild wirkt sich auf den ganzen Menschen aus, auf seine Persönlichkeit, auf seine Art, sein Leben zu gestalten. In der aktuellen Forschung der Neurologie wird immer wieder bestätigt, dass eine gute Selbstwahrnehmung und Selbstvertrauen in körperlichen Wahrnehmungen verwurzelt sind.

Neben den Übungen am Boden und in Bewegung und Ruhe gibt es noch eine andere Ebene, auf der Gerda Alexander mit dem Körperbild gearbeitet hat: der sogenannte Körperbildtest, das Arbeiten mit Ton, wobei mit geschlossenen Augen eine menschliche Figur erstellt wird. Bei den Modelagen ist nicht anatomische Korrektheit oder künstlerischer Anspruch von Bedeutung, sondern die eigene Interpretation: diejenige, die eine Figur erschaffen hat, gibt ihr beim Betrachten eine subjektive Be-Deutung und hat so die Möglichkeit, in der geformten Figur neue Aspekte von sich selbst zu erkennen.

Gerda Alexander: … Es geht darum, ein ganzheitliches Körperbild zu erarbeiten, das unerlässlich ist für den eigenen Ausdruck, für die eigene Abgrenzung im Raum. Wenn dies nicht klar genug ist, kann man weder zu sich selbst noch zur Außenwelt eine angemessene Haltung finden.”1

Der Körperbildtest wurde als Technik von vielen Berufen, so z.B. Psychotherapeuten übernommen.

Meine Erfahrungen mit der Eutonie 1981 ermöglichten mir nach meiner Beinamputation ein Leben nahezu ohne Rückenschmerzen. Dazu zwei Beispiele:
1. In meiner Arbeit mit einer Eutonie Therapeutin konnte ich lernen, wie ich durch meine Beinprothese hindurch den Boden erspüren und wahrnehmen konnte, über was für eine Oberfläche ich gerade laufe.
2. Als ich in Kopenhagen im Unterricht bei Gerda Alexander war, verbrachten wir viel Zeit mit Hautwahrnehmungen. Bei der Partnerarbeit beim Umfahren der Körperlinie an den Beinen konnte ich damals auf dem Rücken liegend ohne Hinzuschauen genau angeben, wo sich der dünne Bambusstab befand, auch an der Prothese.

Dass ich mich schon so frühzeitig nach meiner Bein-Amputation mit meinem Körperbild auseinander setzen konnte, hat mir ein Werkzeug in die Hand gegeben, wie ich meine Beziehung zu diesem nun veränderten Körper neu aufbauen konnte. Für mich hatte der Begriff Körperbild so etwas wie eine innere Autorität. Ich konnte damit arbeiten und mich an mein Körperbild wenden, wenn ich nicht mehr weiter wusste.

Aus meinen Erfahrungen heraus unterscheide ich verschiedene Ebenen des Körperbildes:

eine körperliche, strukturelle Ebene: hier kann man Verspannungen oder Wohlspannung wahrnehmen. Zum Beispiel ein verspannter Rücken, wenn jemand im Sitzen seine Füsse nicht flach auf den Boden stellt.
eine funktionale Ebene: hier zeigen sich Schwächen und Stärken bei Aktivitäten. Zum Beispiel wird jemand mit Heuschnupfen zu bestimmten Jahreszeiten seine Aktivitäten anders gestalten, als eine Person, die keine Allergien kennt. Eine von Schmerzen geplagte Person sieht sich anders in der Welt als jemand, die/der es gewohnt ist, alles im Griff zu haben und Ziele zu erreichen.
eine soziale Ebene: hier geht es darum, wie ein Mensch der Welt begegnet, wie eingebunden und unterstützt eine Person in ihrem Alltag ist. Zum Beispiel jemand, der verheiratet ist, gut verdient und viel Anerkennung hat, fühlt sich anders, als eine alleine lebende Person mit Teilzeitjob, die es gerade eben schafft, über die Runden zu  kommen.
eine spirituelle oder geistige Ebene: gibt es ein Urvertrauen in Lebens-zusammenhänge, ein Geborgensein in einem größeren Ganzen, – oder empfindet sich eine Person alleine, auf sich gestellt und getrennt von allem Leben drum herum? Oder etwas dazwischen? – Dieses Grundgefühl von sich selbst und der Umgebung beeinflusst, wie jemand sein Leben gestaltet.

All diese Ebenen des Körperbildes überlappen sich und beeinflussen unser Tun, ob uns das bewusst ist oder nicht.  Das Leben ist ein dynamischer Prozess. Sich angemessen darauf einzustellen, ist unser Thema in der Eutonie. Indem wir unserem Körper Aufmerksamkeit schenken, können wir unsere Stärken und Schwächen genauer kennen lernen. Wir sind vermehrt in der Lage, Ungleichgewichten angemessen zu begegnen und ein befriedigenderes Leben zu führen. Das Körperbild ist die Grundlage, die wir ausbauen und auf unseren Weg in die Welt mitnehmen können.

Januar 2017 © Cornelia Sachs
cornelia.sachs@posteo.de